Und die Chöre singen für Dich!

Ein Loblied von Wolfram Weimer

Die deutsche Chorkultur ist so lebendig wie vielfältig. Mit ihrer Leidenschaft für den Gesang bereichern die mehr als 60.000 Laienchöre hierzulande unser Musikleben, ermöglichen Gemeinschaftserlebnisse und schaffen ein Gefühl der Zugehörigkeit – gerade jetzt zur Weihnachtszeit. Für den Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer ein guter Anlass, Danke zu sagen.

Mädchen mit Nikolausmütze singen in einem Chor

Deutschland singt! Ob Jazz-, Kirchen- oder Schulchor, queerer Chor oder die Singing Shrinks – rund 300.000 Chor-Konzerte sind jedes Jahr bundesweit zu erleben.

Quelle: picture alliance / ZB | motivio

„Jauchzet, frohlocket!“ Wer hat ihn nicht im Ohr, den jubelnden Chorgesang des Bach‘schen Weihnachtsoratoriums? Mitreißend erklingt er zurzeit in den großen Konzertsälen, aber auch in Kirchen und Schulaulen, Gemeindehäusern und Mehrzweckhallen. Dort also, wo die heimlichen Stars des deutschen Musiklebens auftreten: Laienchöre. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit sind sie besonders aktiv; eine gute Gelegenheit, all den ehrenamtlichen Sangeskünstlern zu danken, die unser Musikleben mit so großer Leidenschaft bereichern. 

Mehr als sechzigtausend Laienchöre gibt es in Deutschland. Da kann man fast schon von musikalischem Breitensport sprechen. Noch beeindruckender sind die Dimensionen ihres stimmgewaltigen Einsatzes: Jährlich bringen sie es auf rund 300.000 Konzerte mit 60 Millionen Zuhörerinnen und Zuhörern. Das sind überwältigende Zahlen. Frei nach Mark Foster: „Und die Chöre sing‘n für Dich!“

Diese vielen Chöre stehen für ein breitgefächertes musikalisches Angebot, das für jedermann zugänglich ist, sei es in großen Städten oder in den Regionen: Deutschland singt! Nicht von ungefähr hat es unsere Chorkultur deshalb auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes geschafft. 

Eine Auszeichnung, auf die wir zu Recht stolz sein können. Doch nicht allein die großen Zahlen macht die Faszination des deutschen Chorgesangs aus. Es ist eine höchst lebendige Tradition, die auf einzigartige Weise bürgerschaftliches Engagement und kulturelle Teilhabe in sich vereint.  

Historisch nahm die Bewegung Ende des 18. Jahrhunderts Fahrt auf. Damals gründeten kulturaffine Bürger Chöre in Eigenregie, um auch ohne besondere Vorbildung gemeinsam musizieren zu können. Sie waren Amateure in des Wortes eigentlicher Bedeutung: Musik-Liebhaber. Dieses Faible lebten sie bewusst jenseits der sakralen und feudalen Musikkultur aus: ein emanzipativer Akt, der sich im vielfältigen Repertoire widerspiegelte. Ob beliebte Volkslieder, berühmte Opernchöre, berührende Kirchenmusik oder populäre Klassik, stets ging es darum, den jeweiligen Musikgeschmack ohne regulative Eingriffe singend auszuleben.

Dieser musikalische Antrieb ist bis heute spürbar. Und auch der Zeitgeist schwingt immer mit. Neben Kinderchören, Schulchören und Kirchenchören gibt es Gospelchöre, Jazzchöre und Shantychöre, traditionelle Männergesangvereine und queere Chöre. In Berlin existiert sogar Deutschlands einziger Chor singender Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten: die Singing Shrinks, die sich auf Pop-Arrangements und Chansons der 20er Jahre spezialisiert haben.    

Dieser musikalische Facettenreichtum belegt die bemerkenswerte Vitalität unserer Chorkultur. Sie erfindet sich immer wieder neu, bringt immer wieder neue Stile und Genres auf die Bühne. Zugleich sind Chöre eine Matrix für den musikalischen Nachwuchs. Im zwanglosen Singen kann man sich ausprobieren und möglicherweise eine Liebe zur Musik entdecken, die dann später als Beruf ausgeübt wird.  

Darüber hinaus erfüllen Chöre eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Denn während zunehmend digital kommuniziert wird, driften immer mehr Menschen in die soziale Isolation. Einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge geben 46 Prozent der jungen Menschen zwischen 16 und 30 Jahren an, einsam zu sein. Das ist nicht nur belastend für den Einzelnen, es ist auch eine Gefahr für unsere demokratische Kultur. Wer sich einsam fühlt, so ergab es die Studie, ist unzufriedener mit der Demokratie und glaubt kaum noch daran, dass sich gesellschaftliches Engagement lohnt. Im Gegenzug erhöht sich das Risiko politischer Entfremdung und Radikalisierung. 

Vor diesem Hintergrund sind Chöre ein wichtiges integratives Angebot: Sie bringen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammen, ermöglichen Gemeinschaftserlebnisse und schaffen ein Gefühl der Zugehörigkeit. 

Mediziner würden ergänzen, dass gemeinsames Singen sogar viele gesundheitliche Benefits hat. Durch tiefe Atmung stabilisiert es das Herz-Kreislauf-System, löst Muskelverspannungen und stärkt sogar das Immunsystem. Nicht zuletzt wurde nachgewiesen, dass beim Chorgesang stimmungsaufhellende Endorphine ausgeschüttet werden. Schon Schiller wusste: „Es schwinden jedes Kummers Falten, solang des Liedes Zauber walten.“ 

Es gibt also viele Gründe, sich einem Chor anzuschließen. Und noch mehr Gründe für ein großes Dankeschön an alle, die uns mit ihrem leidenschaftlichen Gesang begeistern. Nicht nur zur Weihnachtszeit.      
 

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