Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs

Rede

Am 1. September 2025 jährte sich der deutsche Überfall auf Polen zum 86. Mal – ein Ereignis, das den Zweiten Weltkrieg auslöste und unermessliches Leid über Europa brachte. Bei der Gedenkveranstaltung am temporären „Gedenkort für Polen 1939–1945“ in Berlin erinnerte der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in seiner Rede an die deutsche Verantwortung für die Verbrechen der NS-Zeit. Im Mittelpunkt standen das Gedenken an die polnischen Opfer und der Appell, die gemeinsame europäische Erinnerungskultur zu stärken.

Zum 86. Jahrestag des Überfalls auf Polen sprach Wolfram Weimer am 1. September 2025 am Berliner Gedenkort für Polen 1939–1945.

Am temporären „Gedenkort für Polen 1939–1945“ erinnerte Staatsminister Weimer in einer Rede an die deutsche Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen in Polen und ganz Europa.

Quelle: Thomas Köhler / photothek.de

–  Es gilt das gesprochene Wort  – 

An den 1. September 1939 zu erinnern, heißt, an den gewaltsamsten und folgenreichsten Einschnitt in die Geschichte Polens, Deutschlands und Europas zu erinnern. Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen, den ersten Bomben, die deutsche Sturzkampfbomber auf das polnische Städtchen Wieluń abwarfen, begann ein Krieg, der alles verändern sollte, der Tod und Zerstörung über weite Teile Europas und die Welt brachte in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß.

Wir fürchten ihn, diesen Krieg, bis zum heutigen Tag, denn er hat Generationen geprägt, die lange nach seinem Ende geboren wurden. Europa fürchtet ihn. Und es hat Grund dazu, denn dieser Krieg hat diesen Kontinent in einer Weise gezeichnet, die noch immer die Gefahr birgt, dass alte Wunden aufgerissen und zu neuen werden.

Die Erinnerung an diesen Krieg teilen alle Länder, die das nationalsozialistische Deutschland auf seinem Raubzug durch Europa überfiel, besetzt hielt und plünderte. Besonders schmerzhaft aber ist sie für Polen. Das Land wurde besetzt und anschließend aufgeteilt. Seine Bevölkerung wurde erniedrigt, ausgeplündert und massenweise zur Zwangsarbeit verschleppt, seine Kulturgüter zerstört. Auf Polens Boden verübten Deutsche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die ohne Beispiel sind – und es bleiben werden. Chełmno (Kulmhof), Belzec, Sobibor, Treblinka, Majdanek und Auschwitz-Birkenau waren deutsche Vernichtungslager. 

Die deutsche Verantwortung für diese Verbrechen bleibt, sie verjährt nicht. Nicht für die Verschleppung und Ermordung von Millionen Juden aus ganz Europa und nicht für die Hunderttausende anderer, darunter polnische Priester Akademiker und Widerstandskämpfer, politische Gegner, Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene. Die deutsche Verantwortung besteht fort, auch die Verantwortung, Sorge dafür zu tragen, dass sich niemals wiederholt, was in Polen und im ganzen deutsch besetzten Europa geschah. Sie geht an alle Generationen Deutscher über, die noch folgen werden.

Doch was bedeutet diese Verantwortung für uns heute? Sie bedeutet zuallererst, zu wissen, was Deutsche in Polen und anderen besetzten Ländern Europas während des Zweiten Weltkriegs taten. Verantwortung bedeutet weiter, dieses Wissen den nachfolgenden Generationen zu vermitteln.

Die Bundesregierung nimmt diese Verantwortung an. Dazu gehört auch das Eingeständnis, dass das Leiden der polnischen Bevölkerung unter deutscher Besatzung in unserer, der deutschen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu wenig Beachtung findet.

Umso dankbarer bin ich dafür, dass wir heute hier stehen, wo Polen und Deutsche einen ersten gemeinsamen Ort der Erinnerung an die polnischen Opfer deutscher Besatzungsherrschaft geschaffen haben. Und umso nachdrücklicher werde ich mich dafür einsetzen, dass die Freundschaft zwischen Polen und Deutschen wachsen und ein verlässliches Element europäischer Einheit und Stärke sein wird. Sichtbar soll diese Freundschaft durch ein gemeinsames Erinnerungszeichen werden. Im November vor sechzig Jahren haben die polnischen Bischöfe ihren deutschen Brüdern die Hand zur Versöhnung gereicht. Dieser Geste schulden wir unseren gemeinsamen europäischen Weg.

Deutsche und Polen haben eine lange und wechselvolle gemeinsame Geschichte. Gedenken und Erinnern werden unsere Beziehungen immer begleiten, sagte vor dreißig Jahren der ehemalige Auschwitzhäftling und polnische Außenminister Władysław Bartoszewski. Doch er wünschte sich auch, die gemeinsame Erinnerung möge den Weg in eine gemeinsame Zukunft bereiten. Seine Einschätzung, dass das Gelingen dieser polnisch-deutschen Nachbarschaft in hohem Maße mit darüber entscheide, ob und wann das geteilte Europa zusammenwachse, hat sich bewahrheitet. 

Heute stehen wir vor neuen, noch größeren Herausforderungen. Wann, wenn nicht jetzt, vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und dem Ende der Europäischen Nachkriegsordnung, sollten wir erkennen, dass eine europäische Zukunft eine gemeinsame europäische Erinnerung braucht. Sie ist ein Auftrag und eine Aufgabe, die Aufgabe zweier bedeutender Nachbarn in Europa.

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