Mehr Kant wagen

Gastbeitrag von Wolfram Weimer in der WELT

Deutschland ist eine verunsicherte Nation geworden. Auf der Suche nach unserer verlorenen Identität sollten wir den Blick auf die langen Traditionslinien unserer Herkunft als Kultur- und Geistesnation richten.

Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer.

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Wolfram Weimer.

Quelle: Dominik Butzmann / picture alliance / photothek.de

Es gibt keine Zukunft ohne Herkunft. Die Sentenz des Philosophen Odo Marquard wirkt auf Deutschland derzeit wie ein Fanal. Denn wir sind uns unserer Herkunft unsicher geworden. Eine richtig verunsicherte Nation sind wir, die nach drei Jahren Rezession und Krieg in Europa von Krisenstimmung und Abstiegsängsten geprägt ist.

Tatsächlich müssen wir verlorene Sicherheit in faktischen Dimensionen – militärisch, wirtschaftlich und digital – erst wieder mühsam zurückgewinnen. Doch das wird ohne ein klares Bewusstsein unseres Selbst, ohne Selbst-Bewusstsein nicht funktionieren. Wir taumeln derzeit in Polarisierungen und soziale Disruptionen hinein, weil wir einander nicht mehr recht vertrauen, unser Selbst-Vertrauen geschwunden ist. Deswegen brechen Kulturkämpfe auf, polarisieren Diskurse, dominieren Echokammern, es entsteht das kollektive Gefühl einer kognitiven Enthausung, einer geistigen Obdachlosigkeit.

Dies ist der schwankende Boden, auf dem der Rechtspopulismus punktet. Er nutzt die Erschütterung alter Gewissheiten und bietet als vermeintlich bewährte Geborgenheit Autoritarismus, Ressentiments und Neo-Nationalismus an. Doch das ist bestenfalls morsches Treibgut des 19. Jahrhunderts, schlimmstenfalls Baumaterial neuer Diktaturen.

Deutschland ruft zwar Zeitenwenden aus, doch kaum einer weiß, wohin man sich eigentlich wendet. Das Wohin braucht ein Wissen um das Woher. Auf der Suche nach unserer verlorenen Identität sollten wir deshalb den Blick auf die langen Traditionslinien unserer Herkunft als Kultur- und Geistesnation richten. Wir sind über Jahrhunderte eine außergewöhnliche Wissensnation gewesen.

Nicht nur das berühmte Land der Dichter und Denker. Deutschland hat als Smart Nation der letzten 1200 Jahre die Welt mit Erfindungen, Einsichten und Entdeckungen bereichert wie kaum eine andere. Wir wollten von Johannes Gutenberg bis Gottlieb Daimler immer auch technische Avantgarde sein, aus einer konzentrierten Sphäre des Wissens heraus leben. Darum ist in Deutschland die Fackel der Aufklärung mit angezündet worden, und sie leuchtet dem Land der Neugier und des Wissens einen guten Weg. Anders gesagt: Es ging uns immer dann gut, wenn wir mehr Kant gewagt haben.

Wir sollten uns also dorthin wenden, wo mit Kant die Aufklärung zur Matrix eines freien Menschenbildes wurde: vernunftbegabt, verantwortungsvoll, handlungsorientiert. Bekanntlich stellte Kant drei essenzielle Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Sein berühmtes „Sapere aude“ – wage zu denken – plädiert daher für den Mut zur eigenständigen Reflexion. Das ist recht eigentlich deutsch – und nie war dieser Appell so notwendig wie heute.

Populisten gewinnen auch deshalb an Terrain, weil sie mit Ressentiments, Fake News und Verschwörungsnarrativen all jene Verunsicherten ködern, die abstrusen Behauptungen Glauben schenken, weil seriöses Wissen nicht mehr weiterzuhelfen scheint. Die Echo-Kammer-Logiken der digitalen Welten verschärfen diesen antiaufklärerischen Effekt, denn die Menschen bedienen sich zusehends weniger des eigenen Verstandes als einer Kompilierungs-KI. Die aber fragt nicht nach Wahrheit, sondern nach Selbstbestätigung und Reichweite: Was besonders häufig zirkuliert, wird als relevant eingestuft. Gefühlt wahr.

Deshalb ist Kants Werk weit mehr als ein ideengeschichtlicher Wohlfühlort für Feierabend-Philosophen. Indem er die „selbstverschuldete Unmündigkeit“ durch die selbstgewählte Freiheit des Denkens ersetzt, immunisiert er gegen falsche Mythen und rückwärtsgewandte Demagogen. Erst mit der Pointe der Freiheit öffnet Kant schließlich auch die Räume des Möglichen, die Felder des Handelns. Erkundet werden sie idealiter von aufgeklärten Bürgern – diskursbereit und mit der Überzeugung, dass selbst im Disparaten die Idee des Ganzen aufscheint, als befriedete Gemeinschaft aufgeklärter Weltbürger.
 

Vernunft ist nicht sexy

Kants Welt ist das Gegenteil vom Cage Fight unserer Debatten. Er setzt auf Verhandlung statt Rivalität, auf vernunftgesteuerten Konsens statt Unerbittlichkeitsrhetorik. Das macht ihn so modern, als Korrektiv unserer dauerempörten Debattenkultur. Gerade jetzt, angesichts kriegerischer Konflikte in Europa, sollten wir uns daran erinnern, dass unser Land, unsere Demokratie, unsere Nation keineswegs auf schwankendem Boden taumelt. Sie ruht auf dem Fundament eines Wertekanons, der zu Recht auf die konstruktive Kraft des vernunftbestimmten Konsenses hofft.

Mit Kant können wir uns bewusst machen, dass die verschwisterten Begriffe Freiheit und Möglichkeitssinn zugleich die wichtigsten Ingredienzien des geschichtspolitischen Handelns sind. Seine Definition von Vernunft ist zugleich der Gegenentwurf zu den düsteren Dystopien, die bereits jetzt unsere Gegenwart überschatten. Anders als die moderne Affinität zum apokalyptischen Denken setzt der Philosoph auf den friedlich ausgehandelten Ausgleich noch so widersprüchlicher Interessen und Ideen.

Klar ist aber auch: Vernunft ist nicht sexy. Sie erzeugt nicht die wohlfeile Lagerfeuerromantik des Identitären. Doch wenngleich die Vernunft eine kühle Schöne ist, können wir uns mit ihr wärmen. An ihrem Licht, das ins Dunkel der Gegenaufklärung fällt. Deshalb sollten wir mehr Kant wagen. Öffnen wir die Möglichkeitsfenster. Trauen wir uns Handlungs- und Verhandlungsbereitschaft zu. Ein Philosoph, dessen Idee eines friedlichen Bundes aller Länder in die Charta des Völkerbunds und später der Vereinten Nationen aufgenommen wurde, formuliert implizit das Gebot der Stunde: Wir brauchen kein falsches nationalistisches Pathos, keinen größentrunkenen Rausch.

Mit Kants Vision eines Kosmopolitismus, der die gesamte Welt als Heimat betrachtet, können wir nicht nur die selbstverschuldete Unmündigkeit besiegen, wir können auch ein geistiges Zuhause finden. Diese Geborgenheit hat eine andere Qualität als das blecherne Versprechen der Stärke, das uns zurzeit von rechts andröhnt. Mit Kant haben wir einen Leuchtturm, der bis in unser verdunkeltes nationales Unterbewusstsein strahlen kann. Und es vielleicht sogar von seinem Burn-out erlöst.

Der Gastbeitrag von Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer erschien am 26. Oktober 2025 in der WELT.

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