Georg-Büchner-Preis 2025

Rede

In seiner Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2025 gratuliert Staatsminister Wolfram Weimer der Schriftstellerin Ursula Krechel und erinnert daran, dass Freiheit und Meinungsfreiheit nicht selbstverständlich sind, sondern stets neu geschützt und belebt werden müssen. Die Literatur, so Weimer, sei dabei eine zentrale Stütze – als Raum der Unbeugsamkeit, der Vielfalt und der gelebten Demokratie.

Wolfram Weimer während seiner Rede bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2025 in Darmstadt.

Staatsminister Wolfram Weimer gratuliert Ursula Krechel zum Georg-Büchner-Preis 2025 und betont die Rolle der Literatur als Hüterin der Freiheit.

Quelle: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung / Andreas Reeg

- Es gilt das gesprochene Wort - 

„Die Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen, der Ofen glüht – wir Alle können uns noch die Finger dabei verbrennen." Dieser Satz Georg Büchners pointiert nicht nur die brandgefährlichen Konflikte prominenter Protagonisten der Französischen Revolution.

Was Büchner im Drama „Dantons Tod" schildert, hat beklemmende Aktualität.

Schon oft in der Geschichte wurde Freiheit errungen – doch sie ist keineswegs in Erz gegossen. Eigentlich nie. Jederzeit kann man sich an den Öfen ihrer Gestaltung die Finger verbrennen, auch heute, ja ganz besonders heute. Freiheit und Meinungsfreiheit verlieren allenthalben ihre Selbstverständlichkeit.

Immer mehr Menschen auf dem Globus erleben und erleiden, dass Freiheits-Grundrechte eingeschränkt oder ganz abgeschafft werden.

Ein Land nach dem anderen wendet sich neuen Autoritarismus zu, unterwirft sich ihm, löscht die Fackel der Aufklärung. 72 Prozent der Weltbevölkerung leben heute unter einer autokratischen Regierung. Vor zwölf Jahren waren es erst 46 Prozent.

Die Demokratie als Leitformation aufgeklärter Gesellschaften ist auf dem Rückzug, dramatisch auf dem Rückzug.

China und Russland, Saudi-Arabien und Iran entfalten weltmächtige Prägekräfte und strafen Fukuyamas These vom Ende der Geschichte und dem in den neunziger erhofften Selbstbild des Westens als Triumphator liberaler Demokratien Lügen.

In Wahrheit schreiten wir die Treppe der Demokratie nicht mehr im Galakleid der Aufklärung souverän hinab und umarmen ein Land nach dem anderen, in Wahrheit stolpern wir die Treppe des Autoritarismus in neuen Uniformen hinauf und verlieren einen demokratischen Freund nach dem anderen. Und auch bei uns im engsten Familienkreis des Westens erleben wir eine Regression liberaler Toleranz.

Der Autoritarismus schleicht wie ein Gift auch in westliche Demokratien und deformiert sie.

Das Reaktionäre und der Neo-Nationalismus der neuen Rechten findet dabei in der Echokammer-Logik digitaler Massenmedien ihren Entfaltungs- und Bestätigungsraum. Und die BigTech-Monopole und ihre Algorithmen sind der Ofen, in dem das Ressentiment zum Massenbewusstsein verschmelzt.

Die Freiheit, die Demokratie und die aufklärte Mitte der Gesellschaften geraten ernsthaft in die Defensive und rutschen in eine Schweigespirale des Händewegziehens vor den heißen Öfen neuer Ismen, um sich nicht zu verbrennen.

Nun könnte man das gewaltige Aufbäumen des Autoritarismus als eine Option des Demokratischen interpretieren. Als eine ruppig-rechte Facette der Debattenkultur.

Doch in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Denn die Autoritären wollen keine Debatte. Sie wollen ihre Ressentiments austoben und Deutungshegemonie über Lautstärke und Aggression. Sie setzen auf die Tribalisierung von Werten. Das ist zutiefst anti-aufklärerisch, anti-büchnerisch, anti-demokratisch.

Der Büchnerpreis wirkt in diesem dunkler werdenden Raum der Freiheitsoptionen wir ein gutes Licht. Seit jeher verkörpert er eine Haltung der Unerschrockenheit für die Freiheit der Meinung, der Sprache, der Literatur und ihrer Magie.

Und damit für eine erzählerische Vielfalt und sprachliche Exzellenz, die zu den großen kulturellen Traditionen unseres Landes gehört, aber eben auch Phasen der Zensur, der Vertreibung und Verfolgung kennt.

Wir sind also gewarnt. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns vergegenwärtigen, dass die Demokratie nicht nur von ihrer Verfassung und ihren Institutionen lebt, nicht nur von Wahlen und Parteien, sondern vor allem von der geistig gelebten Varianz, der Zärtlichkeit des Zweifels, der geschriebenen Freiheit und nicht der vorgeschriebenen Haltung.

Für jemanden, der schreibt, darf es keine moralisch oder ideologisch begründeten Denkverbote, keine standardisierten Sprachregelungen geben. Wer schreibt, ist zunächst einmal nur sich selbst verantwortlich. Die Autorin braucht die innere Freiheit, Ungehörtes, vielleicht sogar Unerhörtes zu erzählen. Sie darf und muss sich die Freiheit nehmen, jegliche Fesseln des Probaten zu sprengen und sich auf seine eigene Stimme zu verlassen. Ob das provoziert oder gefällt, ob es für Begeisterung oder Ablehnung sorgt, darf sie nicht einschränken.

Nur so entsteht Literatur. Und nur so entsteht eine Vielfalt der Stimmen, die unsere pluralistische Demokratie von Diktaturen unterscheidet. Nur so entstehen aus Literatur jene Risse in den Gewändern der Uniformität, die Freiheits- und Sehnsuchtsräume weiten.

Wenn Ursula Krechel in ihrem aktuellen Roman „Sehr geehrte Frau Ministerin" Zeitebenen und Erzählperspektiven wechselt, wenn sie mit ungewöhnlichen Assoziationen arbeitet, mit gedanklichen Verknüpfungen des scheinbar Disparaten, dann spürt man, welche Möglichkeitsfenster sich durch die Freiheit des Schreibens öffnen.

Auf erzählerisch virtuose Weise reflektiert Ursula Krechel Macht und Deutungsmacht: Wer darf sprechen? Wer darf über wen schreiben? Gibt es überhaupt die Hoheit über die eigene Biografie? Und nicht zuletzt: Wem steht politische Macht zu?

So entstehen auf mehreren auktorialen Ebenen filigran ineinander verschlungene Narrative über Ohnmacht und Selbstbehauptung, über limitierende Rollenerwartungen und weibliche Selbstermächtigung. Und so entstehen verblüffende Erkenntnisgewinne jenseits identitätspolitischer Schlachtfelder.

Die titelgebende Justizministerin des Romans, die während ihres Wahlkampfs leidenschaftlich für den Rechtsstaat eintritt, erhält übrigens üble Hassmails und wird schließlich Opfer eines Messerangriffs: Weil sie sich die Freiheit genommen hat, für ihre Meinung einzutreten.

Womit wir wieder bei Büchner wären.
Ja, auch 2025 kann man sich an der Fackel der Freiheit verbrennen.

Deshalb brauchen wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Ursula Krechel. Autorinnen und Autoren mit radikal subjektiven Sprach- und Denkfiguren, die die Grenzen des Denkbaren und Sagbaren ausloten und damit auch Möglichkeitsfenster für ihre Leserinnen und Leser öffnen.

Um es mit Aldous Huxley zu sagen, Schöpfer des dystopischen Romans „Schöne neue Welt", der gleichwohl unbeirrt an die verändernde Kraft der Literatur glaubte:

„Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten."
 

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