Zum Auftakt der Berlinale fand auch in diesem Jahr der Deutsche Produzententag statt. Auf Einladung der Produktionsallianz richtete Staatsminister Weimer ein Grußwort an die Branche. Mit Blick auf den Durchbruch bei der Reform der Filmförderung betonte er: Die Politik habe geliefert. Nun liege es an den Produzentinnen und Produzenten, diese Chance zu nutzen. „Wir müssen die Kreativität entfalten und den Wettbewerb annehmen“, so Weimer.
Weimer: „Diese Berlinale hat die Chance, sie hat das Zeug, ehrlich gesagt hat sie die Pflicht, eine Berlinale des Aufbruchs zu werden.“
– Es gilt das gesprochene Wort –
„Ich freue mich über die gute Stimmung. Ich freue mich, dass wir Tauwetter in Berlin haben, in vielerlei Dimensionen. Und ich freue mich, dass die Berlinale losgeht.
Denn diese Berlinale hat die Chance, sie hat das Zeug, ehrlich gesagt hat sie die Pflicht, eine Berlinale des Aufbruchs zu werden. Und das ist auch bitter nötig. Denn wenn wir ehrlich sind, dann haben wir schlechte Jahre hinter uns. Wir haben sogar sieben schlechte Jahre, sieben magere Jahre hinter uns, und wir müssen uns nur vergegenwärtigen, was passiert ist. Wir haben in dieser Industrie nicht nur Marktanteile verloren, wir haben nicht nur Wettbewerbspositionen verloren, wir haben auch kreative Wucht verloren. Wir haben Freiheitsräume verloren, wir haben technologische Kompetenz verloren und wir haben Arbeitsplätze verloren. Deswegen: Der Branche ging es schlecht. Ehrlich gesagt, richtig schlecht. Und deswegen fand ich die Klagen der verschiedenen Verbände, auch Ihres, berechtigt. Sehr berechtigt sogar. Und deswegen haben wir uns in der Politik entschieden, nicht zu kleckern, sondern zu klotzen - von Anfang an. Und deswegen ist die positive Stimmung, die man jetzt spürt, zu Beginn dieser Berlinale, auch darin begründet, dass die Politik wirklich einen Durchbruch erzielt hat. Dieser Durchbruch, der hat aus meiner Sicht fünf Elemente. Und das fünfte, das wird Sie überraschen, denn es betrifft Sie. Ich komme gleich dazu. Ich habe meine ausgetüftelte fein ziselierte, politisch korrekt nach allen Seiten austarierte Rede einfach beiseitegelegt. Und weil Frau Müntefering so herzerfrischend direkt gesprochen hat, tue ich das auch und sage Ihnen, was ich denke.
Der erste Befund ist: Die Freude, die Vorfreude, die bei Ihnen da ist, die teile ich nicht nur, sondern wir sollten sie auch gemeinsam initiieren. Wir sollten sie in die Berlinale tragen. Wir sollten die Berlinale wirklich zu einer Berlinale des Aufbruchs machen. Denn diese fünf Elemente, die bedeuten an erster Stelle, dass wir uns als Bundesregierung, als Staat, als Gemeinschaft entschieden haben, einen Paukenschlag in dieser Industrie zu erzeugen. Denn es ist ja nicht nur eine Erhöhung der Mittel. Wir haben in Wahrheit die Filmförderung mal eben verdoppelt. In welcher anderen Industrie würde Politik so handeln? Und diese Verdopplung ging zweitens einher damit, dass wir gesagt haben: Wenn wir das tun, dann wollen wir auch die Förderquoten so deutlich erhöhen, dass wirklich viele animiert werden, nun auch loszulegen mit neuen Filmen, mit neuen Ideen, mit neuen Produktionen. Die Erhöhung auf 30 % Förderquote ist deshalb auch ein großer Schritt. Ein Schritt, der sofort Wirkung erzeugt. Ich kann Ihnen berichten: Wir hatten in den vergangenen Wochen und Monaten volle E-Mail-Postfächer von neuen Anträgen, von Anfragen. Wir liegen im Moment mehr als 30 % über dem Vorjahresniveau. Man merkt, es geht ein richtiger Impuls durch die Branche. Viele sagen sich: in dieser Förderkulisse, unter diesen Umständen, mache ich jetzt auch was und wage ein neues Projekt. Und das heißt, es kommt etwas in Bewegung. Und auch das ist ein gutes Signal für die Berlinale.
Das dritte Element: Wir haben uns nicht nur um die wirtschaftliche Filmförderung gekümmert, sondern auch um die kulturelle. Wir haben die Jury-basierte Filmförderung an die Filmförderungsanstalt gegeben. Wir sind im November mit dem Projekt „Liebling Kino“ gestartet und jetzt am 1. Januar mit der Talentförderung. Das heißt: Ein ganzes Maßnahmenpaket, das auch in dem kulturellen Umfeld diesen Booster, den wir nun zünden, möglichst breit und in der kreativen Entstehungstiefe möglichst tief wirken lassen soll. Das bedeutet: Die Bundesrepublik gibt nicht nur die 250 Millionen, in Wahrheit gibt die Bundesrepublik schon über 310 Millionen in diesem Jahr in die Branche und die Länderförderungen kommen dazu. Das heißt, der Staat hat sich entschieden: Wir geben so viel Geld in diese Branche wie nie zuvor. Und das haben wir über die Parteigrenzen hinweg gemacht, mit dem Blick darauf, dass nun auch die Branche am Zug ist. Und damit meinen wir nicht nur die amerikanischen Konzerne, wir meinen auch die deutschen Sender und auch die Öffentlich-Rechtlichen. Das will ich hier ausdrücklich sagen, dass sie jetzt, wenn der Staat so in die Vorleistung geht, auch mitziehen, dass wir das ernst meinen mit dem Booster. Dass der deutsche Filmstandort, der jahrelang gelitten hat, nun auch wirklich ein Signal in der Breite und Tiefe bekommt, dass auch alle Welt mitbekommt: Wow, in Deutschland steigt jetzt die Filmparty in den nächsten Jahren. Und deswegen ist dieser Investitionsbooster, den wir beschlossen haben, so weiträumig angelegt. Er ist auch ordnungspolitisch weiträumig angelegt. Es gibt Verpflichtungselemente, es gibt Befreiungselemente. Wichtig war gar nicht so sehr der Interessenausgleich zwischen den Parteien. Da waren wir relativ früh einig, was wir eigentlich wollen. Wir wollen einen großen Investitionsimpuls auslösen. Wichtig war, dass wir alle Akteure, die privaten Sender, die Öffentlich-Rechtlichen, die Streamer, die Produzenten, die Kreativen in ein Format bekommen, dass die Party auch funktioniert. Und wenn sie zu einer Party einladen und sagen den wichtigsten Gästen „Der Kartoffelsalat kostet übrigens 25 €, liefere ihn hier ab und stell dich in die Ecke“, wird die Party nicht gut. Wenn du ihm aber sagst, „Eigentlich bringen alle was mit für 8 €, aber wenn du was für 12 € mitbringst, dann haben wir bessere Laune“, dann wird die Party besser. Ich will damit sagen: Wir sind jetzt auch gehalten, diese Party so zu organisieren, auch im sozialen und kommerziellen Verhalten, dass alle Beteiligten mitmachen. Und da bin ich bei Punkt fünf: Die Politik hat geliefert. Die Bundesregierung hat geliefert. Und an dieser Stelle möchte ich den Parlamentariern in besonderer Weise danken, weil wir haben echt, was eure Branche anbetrifft, eine sehr glückliche Konstellation. Wir haben im Finanzministerium mit Lars Klingbeil einen Freund des Films. Wir haben als BKM einen Medienmann, der die Industrie voranbringen will. Und wir haben bei den Parlamentariern Leute, die nicht nur den Film lieben, sondern großen Sachverstand haben. Und deren Gestaltungsmacht in diesem Prozess war wichtig. Das bedeutet nämlich auch, dass wir jetzt schnell in die Umsetzung kommen und nicht mehr lange warten müssen. Denn der Prozess ging ja ehrlich gesagt über Jahre, über mehrere Regierungen hinweg. Und dass wir nun endlich eine Filmfördersituation haben, die mit Wucht wirken kann, da sind viele daran beteiligt. Deswegen möchte ich insbesondere Anja Weisgerber und Martin Rabanus besonders danken.
Aber ich möchte nochmal auf Punkt fünf hinaus, dass die Industrie jetzt auch am Zug ist, dass die Produzenten jetzt auch liefern müssen. Das Fenster ist auf - und ihr müsst jetzt die Luft, die reinkommt, nutzen. Ihr müsst jetzt die Chancen, die ihr habt, umsetzen. Wir müssen jetzt auch produzieren. Wir müssen die Kreativität entfalten und den Wettbewerb annehmen. Da bin ich bei einem Aspekt, den manche hier nicht gerne hören, aber wir können ihm nicht ausweichen. Ihr müsst euch – um im Partybild zu bleiben – vorstellen: Wenn ihr jetzt in dem Türrahmen, diesem neuen ordnungspolitischen Rahmen, stehen bleibt und wartet, bis der Lars und der Wolfram vorbeikommen und euch Fördergelder geben, dann wird die Party am Ende nicht gut. Die wird nur dann gut, wenn ihr aus euch heraus jetzt investiert. Und zwar richtig investiert – in Technologie, in Kreativität, in Produktion. Wenn ihr den Wettbewerb auch annehmt. Und dieser Wettbewerb ist natürlich – wenn wir das in einer großen Dimension sehen – krass. In Wahrheit sind unsere größten Produzenten, die hier vorne sitzen, um den Faktor 100 kleiner als die amerikanischen Majors. Und wir können diesem Wettbewerb nicht ausweichen. Der ist unangenehm, aber er ist da. Um die Größenverhältnisse klarzumachen: Wir sind die sympathischen kleinen Mäuse und das sind die Elefanten. Und die Elefanten tanzen gerade. Und wenn wir diesen Tanz bestehen wollen, dann müssen wir an Größe gewinnen. Und das bedeutet, dass die Industrie sich finden muss miteinander. Sie wird sich wahrscheinlich verbünden. Wir müssen neue Größenordnungen schaffen. Wir müssen übrigens die Streamer und die Sender auch umarmen. Und weil Frau Müntefering meinen persönlichen Lieblingsfilm „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erwähnt hat: Der Protagonist lernt ja dann französische Gedichte auswendig, um seine Angebetete zu beeindrucken. In Wahrheit scheitert er damit, weil er in einem Menuett-Tanz der Interessen stecken bleibt. Am Ende gewinnt er nur, indem er die andere Seite wirklich umarmt. Und genau das Gleiche muss jetzt passieren in der Industrie. Die Produzenten und die Streamer, die Sender und die Kreativen, auch die Öffentlich-Rechtlichen, die werden dieses Spiel nur gewinnen, wenn sie das jetzt gemeinschaftlich tun. Und deswegen empfehle ich allen, diese Berlinale zu nutzen als eine Berlinale des Aufbruchs, aber insbesondere des Miteinanders.
Das ist am Ende natürlich der Schlüssel. Wir wollen Investoren locken, wir wollen sie nicht abzocken. Und deswegen ist meine Ermutigung die 8 % – ja aus ihrer Sicht zu wenig – die 12 % – als Ausgangspunkt für Verhandlungen – als Fundament zu begreifen. Aber ich bin der festen Überzeugung, es werden am Ende sehr viel mehr, wenn wir das nun konstruktiv und kreativ und lustvoll betreiben. Vielleicht kriegt man bei 15 % ein Essen mit Oliver Berben bei 20 % ein schönes Plakat aus den Händen von Frau Müntefering.
Es sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt in der Motivation. Nur der Gestus, der muss umarmend sein. Und das bedeutet übrigens auch, dass wir uns der Verantwortung bewusst sind. Wenn die Gesellschaft, die Republik – und in diesem Fall einfach nur sublimiert durch Parlament und Regierung – sich sagt: Doch, wir geben euch das Steuergeld von der Kassiererin in Essen und von dem Handwerker aus Sindelfingen – dann macht aber jetzt auch was draus. Und das in einem kulturellen Sinne: Entfaltet die kulturelle Vielfalt, die Kraft, die wir brauchen. Übrigens auch, um diesen wahnsinnigen Rechtsautoritarismus einzuhegen, aber auch aus einer sozialen Verantwortung, nicht nur den Steuergeldzahlern gegenüber, sondern auch dem Publikum gegenüber. Ich glaube, die Orientierung am Publikumserfolg, dass wir Filme produzieren, die viele begeistern, ist eine Kategorie, die eine demokratische Qualität in sich hat. Sie ist nicht nur eine Marktorientierung, sondern sie bedeutet auch, dass wir uns hinwenden zu denen, für die wir eigentlich Filme produzieren. Deswegen: Die Vorfreude ist begründet. Es gibt nicht nur diese Nachricht, dass die Politik nun liefert. Wir haben ja auch aus der Branche gute Signale. Ich habe gerade heute Morgen die Zahlen bekommen, wie viel wir aus dem deutschen Film im Moment im Ausland verkaufen. Da sind wir in einer Verdopplung unterwegs in unseren Verwertungsmöglichkeiten. Wir haben auch ein paar Blockbuster im Moment. Die ganze Branche spürt: Okay, es geht was los, es keimt etwas. Und deswegen lassen Sie uns gemeinsam diese Berlinale zu einer Berlinale des Aufbruchs werden lassen.
Das ist übrigens auch etwas, was wir brauchen: Die Berlinale muss kraftvoller werden. Sie muss leuchten. Sie ist unser Schaufenster. Sie ist unser Labor der Begegnung. Sie ist unser Netzwerk der Geschäfte. Aber sie ist auch eine Quelle von Kreativität. Und Tricia Tuttle macht das richtig, richtig gut. Und auch dort haben wir von BKM in diesem Jahr so viel investiert wie noch nie, um diesen Aufschwung der Berlinale zu befördern.
Lassen Sie uns diese heute beginnende Berlinale mit einem großen Applaus eröffnen. Eröffnen in dem Geist, dass es eine Berlinale des Aufbruchs wird, auch des Miteinanders. Und dass wir diese Vorfreude dann auch wirklich in Freude verwandeln können. Vielen Dank!“